Günter Thaler, MEDISinn: “Viele Arbeitgeber haben Angst, schlafende Hunde zu wecken”

Maklerwerkstatt 2018 Günter Thaler

“Für die Arbeitswelt heißt das, wir setzen uns oft unter permanentem Zeitdruck.”

Günter Thaler, Gesundheitsmanager der MEDISinn AG, zum Thema “psychische Belastungen in der Arbeitswelt 4.0”. Dank seiner zwanzigjährigen Erfahrung in den Bereichen bKV und bAV versteht er sowohl die Bedürfnisse der Vermittler, als auch die Gesundheitsziele von Unternehmen.

Redaktion: Herr Thaler, Sie sind Gesundheitsmanager bei der MEDISinn AG, ein Unternehmen, das Arbeitgebern unter anderem dabei hilft psychische Belastungen am Arbeitsplatz nachhaltig zu reduzieren. Wie sieht die Unterstützung konkret aus?

Zur Erstanalyse der Psychischen Gefährdungsbeurteilung (PGB) kann in jedem Unternehmen unser Online-System PGB.online eingesetzt werden, um herauszufiltern, wo der Arbeitgeber konkret ansetzen und erste Maßnahmen implementieren kann – die Branche oder Größe spielt dabei keine Rolle. Neben den flexiblen Durchführungsvarianten stellt die Beantwortung der 21 relevanten Fragen mit maximal fünf Minuten für Mitarbeiter einen geringen Zeitaufwand dar. Der Befragungszeitraum beträgt in der Regel zwei Wochen und dabei werden die gesetzlichen Anforderungen und die Datensicherheit zu 100 Prozent erfüllt.

Neben der physischen gehört auch die psychische Gefährdungsbeurteilung (PGB) laut Arbeitsschutzgesetz seit 2014 zur Pflicht jedes Arbeitgebers. Viele Unternehmen ignorieren diese allerdings nach wie vor. Woran könnte dies Ihrer Meinung nach liegen?

Ein Argument eines aktuellen Falls fällt mir hier sofort ein: „Herr Thaler, wir wollen doch keine schlafenden Hunde wecken!“ – Das und viele weitere Dinge bekommen wir tagtäglich zu hören und kommen zu dem Schluß: Wer weiß, dass er etwas auslösen kann der hat wohl noch nicht erkannt, dass diese schlafenden Hunde bereits immens hohe Kosten für sein Unternehmen bedeuten. Sowohl im monetären als auch betriebsklimatischen Sinne.

„Herr Thaler, wir wollen doch keine schlafenden Hunde wecken!“

Firmen haben sehr wohl erkannt, dass die psychische Verfassung Ihrer Mitarbeiter ein zentrales Thema ist. Hängt doch so viel davon ab – Produktivität, Motivation, Reputation, um nur ein paar Schlagworte zu nennen. Anstatt Lösungen zu suchen, verstecken sich viele ängstlich hinter falschen Tatsachen und versuchen nach außen hin ein schönes und gesundes Bild abzugeben. Aus meiner Sicht und Erfahrung heraus zeigt sich, dass die guten und zukunftsträchtigen Unternehmen nicht ohne Grund in den unterschiedlichsten Rankings für TOP-Arbeitgeber ganz oben stehen. Denn diese haben verstanden Ihre Mitarbeiter gesundheitlich optimal zu unterstützen.

„Anstatt Lösungen zu suchen, verstecken sich viele ängstlich hinter falschen Tatsachen und versuchen nach außen hin ein schönes und gesundes Bild abzugeben.“

Was wir definitiv feststellen müssen ist, dass sich die einzelnen Verantwortlichen aus den betriebsinternen Steuerkreisen zwar klar darüber sind, wo Ihre Zuständigkeiten liegen. Aber der Ball dieser so wichtigen Thematik wird in den meisten Fällen den Betriebsärzten und Sicherheitsfachkräften zugespielt, die selbst hier an ihre fachlichen Grenzen stoßen und nur selten über die zeitlichen Ressourcen verfügen, um sich der Psychischen Gefährdungsbeurteilung fachlich zu widmen.

Auch sind die Wissensstände im Allgemeinen ein Problem, denn nicht jeder Verantwortliche für Gesundheit weiß um die Problematik, geschweige denn um die gesetzliche Pflicht zur Erfüllung einer professionellen PGB. Hier ist dringend Aufklärungsarbeit notwendig.

„Nicht jeder Verantwortliche für Gesundheit weiß um die Problematik, geschweige denn um die gesetzliche Pflicht zur Erfüllung einer professionellen PGB.“

Die Nichtumsetzung der PGB wird sogar mit Auflagen oder gar Strafzahlungen geahndet. Übergangsfristen gibt es dabei keine. Die flächendeckende Prüfung durch die staatlichen Kontrollorgane soll spätestens bis Ende 2018 umgesetzt sein.  

Bagatellisieren Unternehmen psychische Belastungen? Wenn ja, korreliert der Eindruck solcher Unternehmen mit dem der Arbeitnehmer?

Teils-teils. Und zwar auf beiden Seiten. Nicht alle Unternehmen verharmlosen die Tatsche psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Ganz im Gegenteil, die meisten Firmen nehmen die Thematik sehr ernst und haben bereits erste Schritte eingeleitet. Hier merkt man dann auch, dass die Gesundheit der Mitarbeiter an erster Stelle steht und im Sinne der präventiven Fürsorge die Behandlung einer so sensiblen Thematik enorm wichtig ist. Und was das Unternehmen vorlebt, dass spüren selbstverständlich auch die Mitarbeiter, die den Charakter einer Firma dann ebenfalls nach außen tragen.

„Die meisten Firmen nehmen die Thematik sehr ernst und haben bereits erste Schritte eingeleitet.“

Bezüglich der Verharmlosung haben beiden Parteien völlig unterschiedliche Sichtweisen. Viele Arbeitgeber haben zum Beispiel Angst davor schlafende Hunde zu wecken, Auslöser für Probleme zu sein, denen Sie sich im Notfall durch geeignete Maßnahmen stellen müssen. Arbeitnehmer wiederum sehen sich in der Opferrolle, da Sie befürchten Bedürfnisse zu offenbaren, die auf Kritik stoßen und schlimmstenfalls zu Benachteiligungen führen können.

Hier stellen wir fest, dass die Thematik sehr wohl klar und auch bekannt ist, wir aber oft Argumente wie: „Sowas haben wir nicht im Unternehmen“ oder „unseren Mitarbeiter geht es rund um gut bei uns“ zu hören bekommen. Auch Arbeitnehmer argumentieren hier nicht selten mit einem: „Warum will mein Chef/Unternehmen das von mir wissen, dass geht Ihn nichts an!“.

„In den meisten Fällen ist hier ganz klar ein Informationsdefizit zu verzeichnen.“

In den meisten Fällen ist hier ganz klar ein Informationsdefizit zu verzeichnen, denn hier wurde nicht richtig kommuniziert, warum der Gesetzgeber überhaupt so einen Entwurf ins Leben gerufen hat.

Warum nehmen Ihres Erachtens psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu?

Überall lesen und hören wir von der Arbeitswelt 4.0.. Was sich spannend anhört hat natürlich auch seine Tücken. Durch die Flut an digitalem Input gepaart mit ständigen neuen Ideen und Veränderungen in unserem Arbeitsumfeld werden wir und setzen wir uns selbst ständig unter Druck. Für die Arbeitswelt heißt das, wir setzen uns oft unter permanentem Zeitdruck. Aufgaben nachzukommen und diese qualitativ mit bestem Gewissen zu erledigen kann für uns zu Stress werden. Zeitdruck, Qualität der Arbeit, Überstunden. Dies sind nur ein paar Elemente, welche die Psyche negativ beeinflussen können.

„Zeitdruck, Qualität der Arbeit, Überstunden, dies sind nur ein paar Elemente, welche die Psyche negativ beeinflussen können.“

Wenn wir in die Analyse gehen dann gibt es einen Punkt, der fast alle Unternehmen betrifft, das Problem der Wertschätzung. Viele Arbeitnehmer haben Probleme mit der unternehmensinternen Feedback-Kultur.

„Viele Arbeitnehmer haben Probleme mit der unternehmensinternen Feedback-kultur.“

Vorgesetzte die Arbeit verteilen, aber kaum bis kein Feedback zur Arbeit geben oder nur selten im direkten Austausch mit Ihren Arbeitnehmern stehen, fehlt es an Wertschätzung. Dieses Phänomen führt sehr häufig zu psychischen Belastungen.

„Die psychische Gefährdungsbeurteilung (GBPsych) als Türöffner für die betriebliche Krankenversicherung (bKV)“ lautet unter anderem ein Thema auf unserer Roadshow „Maklerwerkstatt 2018“ im Juni, zu dem Sie Teilnehmern ausführlich Rede und Antwort stehen werden. Inwieweit macht die GBPsych die bKV für Arbeitgeber interessanter?

Der Einstieg bzw. die Überleitung von der PGB zur bKV ist ein idealer Türöffner, weil der Arbeitgeber anhand der Auswertung der PGB den „Gesundheitszustand seiner Firma“ erfährt und im Zuge dessen Handlungsimpulse zur Optimierung und Verbesserung des Arbeitsklimas ableiten kann.

Aus der Erfahrung heraus hat sich in der Praxis immer wieder bestätigt, dass die PGB als Türöffner für eine bKV von sehr großem Nutzen sein kann, da durch die Erstanalyse mittels PGB.online dem Unternehmen verdeutlicht wird, für seine Mitarbeiter in punkto Gesundheit zu sorgen.

Vielen Dank, Herr Thaler, für das Gespräch.

Titelbild: ©MEDISinn AG

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  1. […] und versuchen nach außen hin ein schönes und gesundes Bild abzugeben.“ So die Meinung Günter Thalers, Gesundheitsmanager bei der MEDISinn AG, im Interview. Wie ist Ihre Haltung […]

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